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18.08.2026

Material- und Marktsituation

Künstliche Intelligenz (AI), Speichertechnologien, Rechenzentren sowie die weltweite Energiewende führen derzeit zu einem grundlegenden Wandel in der Leiterplattenindustrie – insbesondere hinsichtlich der Verfügbarkeit von Basismaterialien. Die aktuellen Entwicklungen sind nicht als kurzfristige Marktverwerfungen zu verstehen, sondern markieren einen grundlegenden Strukturwandel in den globalen Lieferketten für Basismaterialien. Nach Einschätzung zahlreicher Marktteilnehmer wird sich diese Situation auf absehbare Zeit fortsetzen. Unternehmen sind daher gefordert, ihre Beschaffungsstrategien sowie ihre Planungs- und Entscheidungsprozesse an die neuen Marktgegebenheiten anzupassen.

Preisbindungen, unabhängig davon, ob mittel- oder langfristig vereinbart, gehören zunehmend der Vergangenheit an. Der Markt verlangt heute ein hohes Maß an Flexibilität. Angebote und Materialverfügbarkeiten ändern sich innerhalb kürzester Zeit. Dies erfordert ein Umdenken und die Bereitschaft, Entscheidungen auf einer anderen Grundlage als bisher zu treffen. Nicht mehr Menge und Preis stehen im Mittelpunkt, sondern die Verfügbarkeit der Materialien und damit die eigene Lieferfähigkeit. Heute gilt: neue Anfrage – neuer Preis.

Insbesondere Basismaterialien für Standard-FR4-Anwendungen (Rigid, ML2 und ML4) werden zunehmend knapper. Die Hersteller reduzieren ihre Produktionskapazitäten, da sich mit diesen Materialien vergleichsweise geringe Margen erzielen lassen. Gleichzeitig übersteigt die Nachfrage der Leiterplattenhersteller die verfügbaren Produktionsmengen deutlich, sodass Materialkontingente zugeteilt werden. Für Hochfrequenzmaterialien, HDI-Anwendungen und weitere High-End-Technologien werden hingegen wesentlich höhere Margen erzielt. Deshalb investieren Glasgewebe- und Basismaterialhersteller verstärkt in feinere Glasgewebe und Materialien für anspruchsvollere Leiterplattentechnologien.

Weltweit fließen derzeit enorme Investitionen in den Ausbau von KI-Infrastrukturen und Rechenzentren. Große Technologiekonzerne sichern sich durch langfristige Partnerschaften, Vorfinanzierungen und Kapitalzusagen den Zugang zu den benötigten Rohstoffen und Basismaterialien.

Bis die Produktionskapazitäten für Standard-FR4- und Rigid-Materialien wieder ausgebaut sind, wird der Markt voraussichtlich eine längere Phase eingeschränkter Verfügbarkeit durchlaufen. In dieser Zeit müssen wir mit den verfügbaren Materialkontingenten wirtschaften.

Während unseres Aufenthalts in China war die angespannte Marktsituation deutlich spürbar. Angebote verlieren dort teilweise bereits nach drei bis fünf Tagen ihre Gültigkeit. Ursache hierfür ist die enorme Nachfrage der chinesischen Leiterplattenindustrie, die den weltweiten Bedarf an Leiterplatten bedient. Gleichzeitig konzentrieren sich die Glasgewebehersteller zunehmend auf margenstärkere Produkte für anspruchsvollere Anwendungen.

Viele Glasgewebe- und Basismaterialhersteller verlieren deshalb zunehmend das Interesse an Standard-Rigid- und FR4-Materialien. Parallel entstehen in China in außergewöhnlichem Umfang neue Produktionskapazitäten für hochwertige Leiterplatten. Diese Entwicklung wird durch die industriepolitische Ausrichtung der chinesischen Regierung zusätzlich unterstützt.

Anspruchsvollere Leiterplatten erfordern feinere Innenlagen, feinere Glasgewebe sowie modernste Fertigungstechnologien. Dies bedeutet Investitionen in leistungsfähigere Anlagen, automatisierte optische Inspektionssysteme (AOI), HDI-Technologien sowie umfangreiche Prozessüberwachungen.

Solche Investitionen sind für hochwertige Mehrlagenleiterplatten zwingend erforderlich, während sie für klassische doppelseitige Leiterplatten oder einfache Mehrlagenleiterplatten deutlich geringer ausfallen. Die Investitionen in diese Technologien sind in China in diesen Tagen außergewöhnlich hoch. Auch Europa wird die Materialverknappung zunehmend spüren. Besonders stark betroffen ist jedoch die in China gefertigte Leiterplatte, da dort der Materialbedarf am größten ist. Kingboard gibt seit Monaten die Preisentwicklung am Basismaterialmarkt vor und erhöht seine Preise in kurzen Abständen. Shengyi folgt dieser Entwicklung. Die in Europa bekannten und etablierten Basismaterialmarken werden überwiegend für hochwertige Leiterplattenanwendungen eingesetzt, während chinesische Hersteller wie GoWorld ihre Marktposition in China im Bereich Standard-Rigid- und FR4-Materialien kontinuierlich ausbauen.

Basismaterialhersteller erzielen am europäischen Markt höhere Preise als am chinesischen Markt. Es besteht die Hoffnung, dass die begrenzten Materialmengen Europa weiterhin bevorzugt – wenn auch stark kontingentiert – zur Verfügung gestellt werden. Ob sich diese Erwartung erfüllt, wird sich in den kommenden Monaten zeigen.

Kingboard kalkuliert seine Verkaufspreise teilweise erst am Tag der Auslieferung neu. Entstehende Preisdifferenzen zwischen Bestellung und Auslieferung müssen vom Kunden ausgeglichen werden; andernfalls erfolgt keine Lieferung. Vor diesem Hintergrund verlieren klassische Rahmenverträge und langfristige Preisvereinbarungen ihre Wirkung. Unsere Lieferanten bestätigen heute weder langfristige Preise noch langfristige Materialverfügbarkeiten. Das wirtschaftliche Risiko wäre für alle Beteiligten zu hoch. Deshalb müssen wir lernen, mit den schnellen Marktveränderungen umzugehen und flexibel auf neue Rahmenbedingungen zu reagieren.

Angebote stellen deshalb eine kurzfristige Preisindikation dar und sind nicht als langfristige Preisgarantie zu verstehen.

Rahmen vereinbaren wir nur noch über Produktionsfreigaben bei einer Abnahme über kurze, enge Zeiträume: das gilt für unsere Kenzinger Fertigung als auch für die Handelsware. Auftragsbestätigungen (Südostasien) versenden wir erst, nachdem unsere Lieferanten Preis und Liefertermin verbindlich bestätigt haben. Vielen Kunden ist bereits aufgefallen, dass dieser Prozess heute deutlich mehr Zeit in Anspruch nimmt als noch vor wenigen Wochen.

Sollten über einen längeren Zeitraum Preisbindungen sowie größere Bevorratung von Handelsware in Kenzingen gewünscht werden, muss das hierfür erforderliche Kapitalinvestment individuell abgestimmt werden. Vor dem Hintergrund der aktuellen Marktsituation können langfristige Materialabsicherungen künftig nur im Rahmen partnerschaftlich abgestimmter Finanzierungs- oder Risikoteilungsmodelle umgesetzt werden.

Bei Fragen und/ oder Anregungen sprechen Sie uns an.

Nicole Storz, Geschäftsführung